Thomas M. Ruthemann

Text-Archiv

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Oktober 2000

Geschrieben von Thomas M. Ruthemann

Hallo Freunde. Tach. Sinnlos, es verbergen zu wollen. Der Herbst ist da. Bitterkalt die Nächte, nur die ewigen Spinner am Mezzo sitzen solange draußen bis die Putzfrau kommt oder Christiane und Miri sie mit scharfen aber bestimmten Worten verscheuchen und auf angenehm temperierte Örtlichkeiten im Innern verweisen. Recht haben sie. Die Benzinpreise steigen, die LKWs und BMWs werden trotzdem nicht weniger und die erotischen Seiten des Lebens verkrümeln sich mal wieder schwer Richtung Gemutlischkait, wie der Brite so sagt. Die Expo-Nasen werden auch wieder weniger und das bißchen Internationalität (wir sprechen hier nicht von Taschendieben), das diese, unsere kleine Landeshauptstadt verschönert hat, werden auch immer weniger. Mit anderen Worten: Zeit für eine gigantische Herbstdepression.

Und da soll Ihr Kolumnist, liebe Freunde des rockigen Gitarrenschnalzers, Ihnen noch muntere Worte schreiben? Gar lustich sein? Pustekuchen, Herrschaften (die Damen [ausnahmsweise] eingeschlossen)! Nix, null, njet. Hier wird diesmal nur rumgegreint,gemotzt, gemosert und gegrantelt. Yes Sir! Meine bescheidene Idee ist ja sowieso, daß man nur genug Arschloch sein muß, damit einen die Leute lieben. Erfahrungen aus meinem privaten Liebesleben (»Was für ein Liebesleben«, so die drängende Frage meiner unterbeschäftigten Hirnanhangdrüse) bestätigen das in aller Deutlichkeit. Ist man ein netter Mensch, ist alles verratzt. Das Leben ist eben anundfürsich ziemlich hundsgemein.
Auch Kollege Ernst »Internet« Corinth ist arg am Überlegen, wie er mit den Widrigkeiten des Lebens auskommen soll. Kaum hat er den granatenheißen Griechenland Urlaub überlebt, schon muß er sich über saxophon-solierende Holzbläser in seinem hausnahen Übungsbunker ärgern. Die dort dem Tonproduzieren zuneigenden Menschen wollen einfach die Fenster nicht zumachen - aber keine Angst: lauernde frostige Frühnebel, gefrorene aber nicht unwichtige Gliedmaßen und andere Unannehmlichkeiten werden dieses Problem in nullkommagarnichts gelöst haben.
Und das ist ja auch nicht wirklich schlimm. Ich zum Beispiel schreibe diese dezidierten Dummheiten unter Einsatz meines bescheidenen Lebens - eine Rolle an meinem Bürostuhl ist in Rente gegangen und der eingebaute Kipp- und Wipp-Mechanismus führt plötzlich und vor allem unvermittelt ein verdammtes Eigenleben. Das sind Schicksale. Da hilft selbst der (oder das?) Mohn auf dem Brötchen nichts - obwohl so ein Quentchen Lebensglück und Zufriedenheit schon sehr hilfreich ist. Das können auch Scientologen, Zeugen Jehovas und Daily-Talk-Gucker nicht verhindern, zumal die sowieso alle verboten gehören.
Von den bösen Killerkomandos dieser Rock-Illustrierte aufgespürt, kann ich mich all diesem Unbehagen nicht entziehen und muß Ihnen, werte Freunde eines gezielten Poptons, mal wieder Termine der nächsten Wochen und Monate vorstellen. Und Sie wissen ja, wie schwer das ist, wie geschliffen diese Kolumnen stets wirken, fein jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird und wie wohlüberlegt (und viel zu lang) jeder Satz sich in entzückender Weise an den nächsten schmiegt. Da wird die Depression geradezu global gigantisch und unüberwindlich. Ich sollte kündigen. Hey, Hurdelbrink, alte Kiste! Kein Bock mehr! Schreib' Deinen Konzertkalender alleine! Schluß! Essig! Oh Gott, er greift jetzt bestimmt gleich zum Hörer, um die Redaktions-Assis Heckler + Koch zu bestellen. Gut, ja, dieses Mal noch. Ist O.K. Ich schreibe. Ich nehme an, dicke Verrechnungs-Cheques (neue Rechtschreibung, hach!) sind nicht drin...?
Gut, ja, ich lege los. Und da diesmal dieses Hochglanz-Rock-Elaborat ja auch recht früh an den üblichen Stellen zu finden sein soll, fange ich mal überoptimistisch mit dem 11. Oktober an, wo die alten Wüstenrocker Giant Sand im Faust ihren uramerikanischen Gitarren-Sound verbreiten werden. Hallo Rocker! Das ist auch was für Euch, auch wenn Ihr in dieser Kolumne immer etwas knapp gehalten werdet. Schwer was los ist am gleichen Ort übrigens am 13.10., wenn in der Warenannahme der alte Songschreiber Tom Liwa seine gezielten Wortattacken vorstellt und Helmut Hattler in der Halle hinten seinen wunderbaren Electronic-Jazz-Bass-Dingensbummens-Töne fabriziert. Da ersterer so ein hübsches Knautschgesicht hat, dachte ich mir ein Bildchen sei angebracht. Wer dem alles nichts abgewinnen kann, kann ja auch noch zu Jansen ins Gig gehen. Oder hinterher, fangen eh erst um 23.30 an.
Wenn Layouter Rüdiger S. diesmal nicht die Schriftart augenfreundlich größer macht, wird es wohl auch nichts mit der üblichen Länge dieser Zeilen, aber das macht nix. »Metallica-Cellisten« kündigt dafür der Pavillon für 15.10. an und die heißen auch noch Apocalyptica und kommen aus Finnland. Quasi Depression pur. Paßt. Muß ich sehen. Auch nicht so richtig aus diesem tief holt mich das Konzert der Mick Taylor Allstars am 20.10. im Faust. Wer will schon alte Rockgranaten wie die sehen? Sorry, Rocker, geht ruhig hin, lohnt sich schon.
Versucht lieber mal fetten Hardcore im Musikzentrum am 21.10. zu hören, wenn in der kleinen, aber feinen Halle u.a. Snapcase und Avail ordentlich Lärm machen. Und als Kontrapunkt (tja, Ihr Kolumnist bemüht sich wirklich, meine Freunde des Pops) gibt s am 25. Oktober im Gig Bebel Gilberto - wunderschönsten Bossa mit grandioser Stimme, der mir vorliegende Silberling hat sich schlagartig als Dauerdreher in der festeingebauten Laserabtastung etabliert. Wer das verpaßt, hat selber Schuld.
Nur zwei Tage darauf ist Zeit ins Capitol zu gehen, denn da spielt Redakteur Hurdelbrink mit seiner Band Famous In 15 Years sowie Like Water und Daddy Long Legs anläßlich einer »Celtic Rock Night«. Am 28. dann noch was für Freunde südamerikanischer Klänge, wenn Arto Lindsay seinen jährlichen Besuch im Pavillon absolviert. Das letzte Mal hat er aber die Bossa-Fraktion arg verschreckt, schaunmermal, wie es diesmal wird. Am gleichen Abend im Gig (Programm-Macher Ralf »Ratze« Zitzmann hat sich übrigens nach Hamburg verdünnisiert, ich fürchte das Schlimmste...) kann man alternativ zu Beanfield und Syrup gehen, die großartigen Nu' Jazz und Funk liefern und darum hier auch ein Bildchen wert sind. Ihr Einsatz, Herr Schubert! Mithin entzückende, intelligente und treffende Bildunterschriften werden erwartet!
Keine Frage allerdings, wo sich Ihr gebeutelter Kolumnist am 30. Oktober aufhält: die Preussag Arena, klar doch. Britney Spears. Need I say more? Ein gewisser Markus Horn sorgt am 31.10. im Gig für solide Unterhaltung ebenso wie die ihr neues Album promotenden Rosenstolz im Capitol (siehe CD-Kritiken) und damit bricht schon ohne besondere Vorwarnung der eklige und bestimmt kalte November über uns herein. Ich hoffe ja noch immer auf die globale Erwärmung und fahre darum auch gezielt ein uraltes Auto ohne Kat und mit SuperPlus-Kraftstoff in rauhen Mengen verbrauchend.
Auch im Capitol wird wieder fleißig Programm gemacht und das Beste - Rocker, hört auf! - aus dem Saitenbereich kommt. Am 2.11. ist UFO mal wieder hier gelandet. Laßt schon mal die Mähnen wachsen, damit's ordentlich was zu schütteln gibt. viel Spaß verspricht der 4.11., wenn Lotto King Karl die Halle des Musikzentrum besucht, um zu musizieren und quasi für blanke Freude sorgt. Oder so. Ob er die Zahlen vom Sonnabend hat? Am 12.11. hat der Pavillon mal wieder eine bekannte Größe gebucht, wenn Mari Boine an den Weißekreuzplatz kommt. Frage: Warum heißt dieser Zweckbau bloß Raschplatz-Pavillon? Und warum stimmen die Leuchtanzeigen vom Solar Pavillon im Mezzo nicht? Fragen, die die Welt bewegen und die auch Bundessolargeschäftsführer Kallwar kaum in aller filosofischer Tiefe beantworten können wird.
Auch der 18.11. beschert uns eine alte Größe, wenn der Erich Burdon ins Capitol gebucht ist und zweifellos seine Fans leicht angegrauter Couleur finden wird. Auch nicht mehr so ganz frisch, aber immer noch fit sind die Whiskey Priests, die aus County Durham kommen, was schräg rechts unter meiner britischen Lieblingsstadt Newcastle liegt. Jedenfalls auf meiner Landkarte. 17.11. Halle, Musikzentrum. Auch aus Britannien ist der Herr mit den vielen Brillen und den ehemals schönen Songs (»Tumbleweed Connection« und »Madman Across the Water« waren wirklich große Alben), die er per Solo-Piano und Teleprompter am 19. November in der Arena am dann nicht mehr existierenden Expo-Gelände vorstellen will. Elton John, genau.
Wir hören voneinander!

Mehr in dieser Kategorie: « August 2000 Dezember 2000 »